Wenn die Wohnung zur Sauna wird: Was gegen Hitze in Gebäuden wirklich hilft
Die Sommer werden heißer, viele Wohnungen, Häuser und Büros heizen sich immer stärker auf. Doch nicht immer braucht es sofort eine Klimaanlage. Bausachverständiger Stefan Mösl erklärt, welche Maßnahmen sofort helfen — und wie Gebäude künftig besser gegen Hitze geschützt werden können.

Es ist eine Situation, die derzeit viele kennen: Draußen steigen die Temperaturen weit über 30 Grad, drinnen wird es von Tag zu Tag unangenehmer. Die Luft steht, die Räume kühlen kaum noch aus, an erholsamen Schlaf ist oft nicht zu denken. Besonders Dachgeschoße, große Glasflächen, schlecht verschattete Räume und moderne Gebäude mit viel Fensterfläche geraten bei Hitzewellen schnell an ihre Grenzen.
„Viele Menschen glauben, dass ein Gebäude einfach heiß wird, weil es draußen heiß ist. In Wahrheit entscheidet aber sehr oft die Bauweise, die Verschattung und die Nutzung darüber, wie stark sich Räume aufheizen“, sagt Bausachverständiger Stefan Mösl.
Der wichtigste Grundsatz klingt einfach, wird in der Praxis aber häufig unterschätzt: Die beste Kühlung ist jene Wärme, die gar nicht erst ins Gebäude kommt.
„Was durch die Glasscheiben einmal im Raum ist, muss später wieder herausgekühlt werden. Das kostet Energie, Technik und oft viel Geld“, erklärt Mösl. Besonders kritisch sei direkte Sonneneinstrahlung über Fensterflächen. Große Glasflächen bringen Licht und Wohnqualität, können im Sommer aber zur Wärmefalle werden, wenn sie nicht ausreichend geschützt sind.

Sofortmaßnahmen: Was heute schon hilft!
Wer in einer aufgeheizten Wohnung sitzt, kann kurzfristig trotzdem einiges tun. Entscheidend ist vor allem der richtige Zeitpunkt beim Lüften.
„Nachts und früh am Morgen sollte man die kühlere Luft gezielt ins Gebäude bringen. Am besten funktioniert das mit Querlüften, also wenn auf gegenüberliegenden Seiten Fenster geöffnet werden können“, sagt Mösl.
Noch wirkungsvoller sei es, wenn kühle Luft unten einströmen und warme Luft oben entweichen kann. Denn warme Luft steigt auf. Werden im unteren Bereich und im oberen Bereich eines Gebäudes Öffnungen geschaffen, kann ein natürlicher Luftzug entstehen.
Tagsüber gilt dagegen meist das Gegenteil.
„Viele machen bei Hitze die Fenster auf, weil sie das Gefühl haben, sie müssten lüften. Wenn draußen aber 32 oder 35 Grad sind, holt man sich genau diese Wärme ins Gebäude“, so Mösl. Sein Rat: Sobald es draußen deutlich wärmer ist als drinnen, Fenster und Türen geschlossen halten.
Auch Sonnenschutz sollte möglichst früh aktiviert werden. Rollläden, Raffstores, Markisen oder Vorhänge helfen vor allem dann, wenn sie verwendet werden, bevor die Sonne den Raum bereits aufgeheizt hat. Noch besser ist außenliegender Sonnenschutz, weil die Wärme dann gar nicht erst an der Scheibe entsteht.
Sonnenschutz ist mehr als ein Komfortthema
Für die nächsten Hitzewellen lohnt sich ein genauer Blick auf die Gebäudehülle. Besonders Fensterflächen sind entscheidend. Wo außenliegender Sonnenschutz fehlt oder nicht nachgerüstet werden kann, können reflektierende Folien eine Möglichkeit sein. Sie reduzieren einen Teil der Sonneneinstrahlung und können helfen, die Aufheizung zu verringern.
„Nicht jede Maßnahme passt zu jedem Gebäude. Aber fast jedes Gebäude hat Potenzial. Wichtig ist, zuerst zu verstehen, wo die Hitze wirklich hereinkommt“, sagt Mösl.
Neben klassischen Verschattungssystemen gewinnen auch Photovoltaikflächen an Bedeutung. PV-Anlagen am Dach erzeugen nicht nur Strom, sie verschatten zugleich Dachflächen. Auch teiltransparente PV-Elemente an Fassaden oder über Glasflächen können künftig eine größere Rolle spielen.
„Photovoltaik kann doppelt wirken: Sie schützt Bauteile vor direkter Sonneneinstrahlung und wandelt einen Teil der Sonnenenergie gleich in Strom um. Damit wird aus einer Belastung ein Nutzen“, erklärt Mösl.

Begrünung, Kühlung und kluge Nachrüstung
Auch Fassadenbegrünungen, Bäume und natürliche Verschattung können Gebäude entlasten. Pflanzen kühlen nicht nur durch Schatten, sondern verbessern auch das Mikroklima rund um das Gebäude. Besonders bei stark besonnten Fassaden kann das spürbar helfen.
Bei größeren Gebäuden, Büros oder Wohnanlagen können auch technische Lösungen sinnvoll sein. Deckenkühlungen, Bauteilaktivierungen oder wasserführende Systeme können Räume temperieren, ohne die Wirkung einer klassischen Klimaanlage zu kopieren. In manchen Fällen können sogar bestehende Heizsysteme, etwa Fußbodenheizungen, für eine sanfte Kühlung mit kühlem Wasser genutzt werden. Voraussetzung ist aber eine fachliche Prüfung.
„Man darf bestehende Systeme nicht einfach zweckentfremden. Es braucht eine technische Bewertung, damit keine Feuchteschäden, Kondensatprobleme oder Komfortprobleme entstehen“, betont Mösl.
Genau hier sieht der Sachverständige in den kommenden Jahren eine große Aufgabe für Eigentümer, Hausverwaltungen, Planer und die Baubranche. Viele Gebäude wurden für frühere Sommer geplant. Die Anforderungen ändern sich jedoch.
Nicht nur neu bauen, sondern Bestand verbessern
Ein großer Teil der Herausforderung liegt nicht im Neubau, sondern im Bestand. Wohnungen, Einfamilienhäuser, Schulen, Büros, Pflegeeinrichtungen und Gewerbeimmobilien müssen zunehmend auf Hitzewellen vorbereitet werden.
„Wir müssen Gebäude nicht nur erhalten, sondern weiterentwickeln. Hitzeschutz wird ein Qualitätsmerkmal von Immobilien“, sagt Mösl.
Dabei gehe es nicht darum, überall sofort Klimaanlagen einzubauen. Viel wichtiger sei ein abgestimmtes Konzept: Wo kommt die Wärme herein? Welche Fensterflächen sind kritisch? Ist Verschattung möglich? Können PV-Flächen sinnvoll integriert werden? Gibt es Möglichkeiten für Fassadenbegrünung? Können bestehende Systeme zur Temperierung beitragen? Und welche Maßnahmen sind wirtschaftlich sinnvoll?
„Die Zukunft liegt nicht in einer einzelnen Lösung, sondern im Zusammenspiel aus Bauphysik, Planung, Gebäudetechnik und praktischer Erfahrung“, so Mösl.
„Und das bessere Produkt entsteht nicht durch den Preis, sondern durch die Haltung dahinter.“

Die wichtigsten Tipps auf einen Blick
In der akuten Hitzewelle:
Nachts und frühmorgens kräftig lüften.
Wenn möglich querlüften.
Tagsüber Fenster und Türen geschlossen halten, sobald es draußen heißer ist als drinnen.
Sonnenschutz früh schließen, nicht erst, wenn der Raum bereits aufgeheizt ist.
Direkte Sonneneinstrahlung auf Glasflächen vermeiden.
Für die nächsten Hitzewellen:
Sonnenschutz und Verschattung prüfen.
Reflektierende Fensterfolien oder geeignete Verglasungen überlegen.
PV-Anlagen am Dach oder an Fassaden als Verschattung und Energiequelle mitdenken.
Fassadenbegrünung und natürliche Verschattung prüfen.
Deckenkühlung oder bestehende wasserführende Systeme fachlich bewerten lassen.
Gebäude nicht nur auf Winter, sondern auch auf Sommer planen und instand halten.
Mösls Fazit ist klar:
„Die beste Klimaanlage ist die Hitze, die gar nicht erst ins Gebäude kommt. Wer Gebäude zukunftsfähig machen will, muss sommerlichen Hitzeschutz von Anfang an mitdenken — im Neubau genauso wie bei der Sanierung.“

